In Flensburg, wo ich aufgewachsen bin, gab es immer viele Dänen. Einige von ihnen wohnten dort. Die meisten aber kamen in ihren Autos oder wurden in Bussen herangekarrt, um in Deutschland billig einzukaufen. Als ich ein Kind war, verband ich Dänen, die auf Einkaufstour in Flensburg und Umgebung waren, mit zwei Dingen: Sie fuhren schlecht Auto (das sagten die Autofahrer unter den Erwachsenen, und auch jene ohne Führerschein pflichteten dem bei) und sie hinterließen immer viel Müll: Alles was sie nicht brauchten, wurde stets einfach irgendwo liegengelassen.
Das schlechte Autofahren soll hier nicht Thema sein, zumal ein Verkehrsteilnehmer in einem fremden Ort stets etwas verwirrter über den tieferen Sinn der jeweiligen Infrastruktur sein dürfte als die dort Einheimischen, worauf diese vielleicht auch ruhig mal etwas Rücksicht nehmen könnten. Der Müll allerdings betrifft eine ganze andere Dimension der Verwirrung! Lange Zeit lebte ich in einem kleinen Vorort nördlich von Flensburg, unmittelbar an der Grenze zu Dänemark. Im Ort gab es gemessen an der dort lebenden Bevölkerung eine Unzahl von Supermärkten, die ihr Geschäft hauptsächlich mit einkaufslustigen Dänen machten, denen man eingebildet hatte, alles sei billiger in Deutschland. Große Parkplätze wurden von den Märkten angelegt, um dem Ansturm der Autos Herr werden zu können. Hierfür wurde dann auch gern mal bei Nacht und Nebel der eine oder andere Baum gefällt. Es war in den Siebzigern, da sah man das nicht so eng. Eine Begleiterscheinung des ganzen Trubels war der Müll, denn die Einkaufshorden aus dem Nachbarland hinterließen ihn überall. Alles Überflüssige an Verpackung, leere Flaschen und Dosen, Zigarettenkippen, Picknickreste, vielleicht sogar Mitgebrachtes von zu Hause – alles wurde gedankenlos irgendwo hingeworfen, als würde es sodann wie durch Magie ganz von selbst verschwinden. In dem kleinen Ort gab es einen Verschönerungsverein. Dieser versuchte, brav gegen den Dänenmüll anzukämpfen: Er stellte Abfallkörbe im Ort auf mit kleinen Hinweisschildern auf Dänisch, dass man doch bitte-bitte seinen Abfall in den bereitgestellten Tonnen entsorgen möge. “Bitte enttäuschen Sie uns nicht!” hieß es auf dem Schildchen. Der Kampf war jedoch aussichtslos. Der Müll waberte nach wie vor überall im Ort herum, nur nicht in den Tonnen des Verschönerungsvereins. Ein Leserbriefschreiber einer dänischen Tageszeitung empörte sich sogar über die aufgestellten Tonnen und die an ihnen angebrachten Hinweisschilder und vertrat die Ansicht, man sei im vollen Recht, seinen Abfall in Deutschland genau dort zu entsorgen, wo man es gerade für richtig halte, denn die Deutschen hätten ihren Abfall in Gestalt einiger Bunker an dänischen Nordseestränden schließlich auch nicht nach dem Krieg wieder mitgenommen.
Der gute Leserbriefschreiber irrte allerdings. Zwar waren die Bunker deutscherseits vergessen worden, was natürlich unschön ist. Aber die Müllentsorgungsgewohnheiten der Dänen hatten nichts mit Krieg und nationalen Animositäten zu tun, denn auch im eigenen Land entsorgte der Däne Müll, wo er es für praktisch hielt, ohne sich weitere Gedanken über Umwelt und andere Unbequemlichkeiten zu machen.
Heute kann man es durchaus als Fortschritt verbuchen, dass die Leute für ihre größeren Abfälle wenigstens Müllräume aufsuchen, die es in den meisten Wohnanlagen gibt, und ihren Unrat nicht gleich auf die Straße wuchten. In den Müllräumen selbst geht es dann aber wieder zu wie beim Einkauf in Deutschland: Ob in oder neben die Container, wen juckt’s? So sind wir hier bildlich zu Gast im Müllraum eines Kopenhagener Wohnhauses, dessen Standard durchaus als gehoben einzustufen ist, und in dem man für eine Zweizimmerwohnung mit zwei bis drei Millionen Kronen dabei ist, Schlüssel zum Müllraum inklusive. Übrigens sähe es ganz übel aus, wenn man den Dänen auch noch zumuten würde, ihren ganz alltäglichen, gemeinen Hausmüll in einen solchen Raum runtertragen zu müssen und in eine Tonne zu schütten, geschweige ihn gar nach komplexen Kriterien in diverse Kategorien zu trennen. Dänemark ist nämlich das Land der Müllschlucker. Jedem seine Luke zum Schacht so dicht vor der Wohnungstür, wie möglich! Und in diesen Schacht wird alles, was von der Größe her ungefähr passt, unsortiert reingestopft. Mülltrennung in Dänemark geht nach dem Prinzip: Groß oder klein? Schacht oder Raum?