Wesen oder Werkzeug

Wesen oder WerkzeugImmer wieder geistert der Begriff der Netzgemeinde durch deutsche Medien. Darunter zu verstehen ist offenbar eine Gruppe Gleichgesinnter, die an Das Netz glauben. Und wie jede Gemeinde Gläubiger sind auch die Netzgläubigen auserwählt und besonders befähigt, ganz im Gegensatz zu den Ungläubigen. Zu den Ihren zählt die Gemeinde gern die von ihr so genannten Digitalen Nativen, denen das wundersame Glück beschert wurde, niemals in einer Welt ohne Das Netz gelebt haben zu müssen. Die selig geboren wurden und sich nicht erst bekehren lassen mussten. Auch geben die Nativen wegen ihres niedrigen Alters dem eher betagteren Teil der Gemeinde die heilsame Illusion ewiger Jugend.

Wie jede Gemeinde, so hat auch die Netzgemeinde ihre Prediger, die den Anhängern der großen gemeinsamen Sache den Weg weisen. Einer dieser Prediger nennt sich Lobo. Dieser beklagte kürzlich in der FAZ unter dem Titel “Die digitale Kränkung des Menschen” die gegenwärtige Erscheinung des Netzes, an das man doch so inbrünstig geglaubt hatte, denn Das Netz war kürzlich als vom Teufel besessen enttarnt worden, verhext von bösen Mächten, der üblen NSA und ihren Konsorten. Und nunmehr sei die Zeit gekommen, dem Netz den Teufel wieder auszutreiben.

So ist das wohl mit dem Glauben an Höheres: man wird früher oder später enttäuscht. Dabei hatte man doch zu gern über die allzu vielen Ungläubigen gelächelt, die nicht das Licht im Netz sehen konnten oder wollten, bevor es dann jäh erlosch. Ungläubige, die oft von bedauernswerten Merkmalen wie der Ungnade der frühen Geburt oder einer allzu innigen Affinität zu sogenannten Volksparteien gezeichnet waren. So hatte das Universum also seine wunderbare Ordnung: wir, die Gemeinde des großen, leuchtenden Netzes; ihr, die ihr nicht einsehen wollt, wie verstrickt in dieses Netz ihr selber schon seid. Und natürlich Das Netz Himself. Böse Mächte gab es in dieser paradiesischen Zeit kaum. Bis dann die fiese Schlange NSA aus dem Glasfasergestrüpp hervorgekrochen kam und die hübsche Phantasterei vergiftete. Nun ist auch Lobo bei der deutschen Seele angekommen, umgetrieben von der steten Sorge, dass Das Netz in seiner gegenwärtigen Erscheinung doch irgendwie voller Unheil stecke.

Mich aber trieben nie unheilschwangere Sorgen um, sondern immer wieder Selbstzweifel, konnte ich doch gar nicht so recht meinen Platz in dieser schönen, neuen Netz-Welt finden (die übrigens weder besonders schön noch neu ist). Also Das Netz selbst konnte ich schon mal nicht sein. Dafür fehlte mir das Geisterhafte. Vielleicht einfach nur ein passives Mitglied der Gemeinde, ein Exemplar der schweigenden Mehrheit? Nein, ich glaubte nie an Das Netz als etwas Höheres. War weder begeistert noch fürchtete ich mich vor Ihm. Außerdem bin ich viel zu alt für die Gemeinde. Mein Geburtsdatum rückt mich eher in die Gruppe derer, denen das wundersame Wesen des Netzes erst noch beigebracht werden muss. Dabei ist das Netz eigentlich nur ein relativ willkürliches Werkzeug in meinem Alltag, als solches kenne ich es eigentlich ganz gut, weiß um die grundlegenden Prinzipien seit Jahrzehnten.

Und deshalb wundere mich über die Geschichtslosigkeit der Netzgemeinde, die einem informationstechnologisch erleuchtetem Heute gern ein umnachtetes Gestern gegenüberstellt, aus der ewig gestrige Zombies in die Gegenwart drängen, die sie nicht begreifen. Gewiss, man kann viele tolle Sachen mit dem Netz von heute erleben. Dennoch ist das Netz kein konstitutives Merkmal einer modernen Welt. Würde mich heute jemand in die angeblich netzlose Zeit z.B. um 1970 teleportieren, ich hätte nichts dagegen! Auch damals schon, die heutigen Prediger der Netzgemeinde dürften zu der Zeit kaum die Dunkelheit der damals noch voller weißer Flecken herumtaumelnden Welt erblickt haben, gab es bereits seit längerem digitale Apparate, auch solche, die über Entfernungen miteinander kommunizieren konnten. Ich Zufrühgeborener kann mich nicht an eine vor-digitale Zeit erinnern und spielte als Heranwachsender durchaus mit digitalen Gedanken und Apparaten. Ich wollte die Prinzipien hinter dieser auch damals schon als neu & erleuchtet empfundenen Welt verstehen. Ich wollte wissen, wie sie funktioniert und was sie kann. Das wurde später zu einem festen Bestandteil dessen, was ich heute Arbeit nenne. Moment mal! Ich wollte Verstehen & Wissen. Es ging mir offenbar nicht so sehr um Glauben & Meinen. Und wohl gerade deshalb finde ich meinen Platz in der medial-konstruierten Topografie der deutschen Netzwelt nicht.

Und wieso nun deutsche Netzwelt? Weil besonders in Deutschland das Internet eine metaphysische Dimension bekam, es zu einem wabernden Wesen wurde. Ein Wesen, an das man glauben kann oder vor dem man sich fürchtet. Dabei scheint mir die Furcht zu überwiegen. Jetzt auch bei den Gläubigen.

Der er lukket for kommentarer.

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