Grenzhandel und Maisfelder

Ganz im Norden der Republik, im Land der Horizonte, die nur durch die Landesgrenze zum Nachbarland Dänemark eingeschränkt sind, gibt es eine kleine Gemeinde, Harrislee. Hier sucht man einen neuen Bürgermeister. Ein solcher, obwohl primär eine Person der Verwaltung, wird dennoch von den Bürgern direkt gewählt. So wird die Besetzung einer solchen Stelle schnell zu einem oberflächlichen Politikum. So auch hier. Die direkte Wahl eines Bürgermeisters kommt mir als Neubürger nach Jahrzehnten des Fortseins durchaus etwas fremd vor. Aber die Zeiten ändern sich und mit ihr die Gewohnheiten. Vielleicht hielten die Bürgermeister früher einfach länger. Und nahmen ihre Verantwortung ernster. Vielleicht.

Bei einer außerordentlich gut besuchten öffentlichen Veranstaltung im Bürgerhaus der kleinen Gemeinde traten kürzlich die drei Kandidaten an, um sich den Bürgern und Bürgerinnen vorzustellen und sich zu unterschiedlichen Themen befragen zu lassen. Jede der drei im Gemeinderat vertretenen Parteien CDU, SPD und der SSW – letzterer ist hier übrigens nicht Minderheit, sondern bildet die größte Fraktion mit knapp 40 Prozent der Wählerstimmen –, schickt natürlich ihren eigenen Kandidaten ins Rennen. Konsens ist nicht. Oder vielleicht doch. Alle drei Kandidaten, allesamt jüngere Männer, sind in vielen Punkten langweilig gleich, beanspruchen jeder das Wohlfühl-Monopol. Natürlich wollen sie alle nur immer das Beste für ihre Gemeinde. Und das Beste meint hier offenbar Status Quo. Und wenn überhaupt unbequem umdenken müssen, dann aber bitte nur so, dass es nicht weh tut. Entsprechend brav zurückhaltend waren die Vorstellungen, die man über die zukünftige Entwicklung der Gemeinde hatte: Man müsse junge Familien (aus dem Moloch Flensburg) anziehen, indem man ihnen attraktives Bauland anbiete, denn der Weg zum Glück führt über das familiäre Eigenheim, wie jede Bausparkasse zu suggerieren weiß. Außerdem wirke sich Bau- und Babyboom positiv auf die böse stagnierende Einwohnerzahl der Gemeinde aus. Eine größere Anzahl Kinder in der Gemeinde sei auch deshalb wünschenswert, da sich so eine bessere Auslastung der bestehenden Bildungseinrichtungen erreichen lasse. Man müsse jedoch auch passenden Wohnraum für ältere Menschen anbieten können, damit diese, wenn ihnen das Einfamilienhaus eines Tages zu groß werde, nicht in eine Wohnung in die große Nachbarstadt ziehen müssen. Um etwas für die wirtschaftliche Entwicklung zu tun, könne man den Tourismus stärken, denn man habe schließlich einen attraktiven Badestrand. Auch kulturell sei viel los, viele Einrichtungen gebe es, insbesondere Erziehungseinrichtungen sowohl des deutschen als auch des dänisch gesinnten Bevölkerungsteils seien vorhanden. Vereine wurden bei der Aufzählung von den Kandidaten zu erwähnen vergessen, worüber sich später ein Vereinsvorsitzender aus dem Publikum unsinnig empörte. Der kriegt mich jedenfalls so – das heißt mit Empörung statt Begeisterung – nicht in seinen Sportverein. Außerdem gehe es der Gemeinde im Vergleich wirtschaftlich durchaus gut. In den Floskeln des CDU-Kandidaten hieß das dann: “Harrislee ist gut aufgestellt.” Diese Annahme wurde zu seiner Dauerbeschwörung des Abends. Und ja, die Gemeinde ist im Prinzip schuldenfrei, und ja, sie hat ein relativ hohes Gewerbesteueraufkommen. Beunruhigend hieran ist jedoch die Tatsache, dass etwa fünfzig Prozent hiervon aus dem Grenzhandel stammen.

Der Grenzhandel. Das Phänomen, dass aufgrund unterschiedlicher Abgabesysteme zweier Länder bestimmte Waren in dem einem Land günstiger zu erwerben sind als in dem anderen. Und aus dänischer Perspektive ist Deutschland absolutes Billigland. Vielleicht auch deshalb, weil es im Vergleich ein Billiglohnland geworden ist. Der Grenzhandel, in dem Dänen die Hauptrollen als Kunden spielen, konzentriert sich in seiner Ursprungsform auf Produkte, die Alkohol oder Zucker – am besten gleich beides – enthalten. Und hieran hat sich in den vergangenen vierzig Jahren, der Zeitspanne, die ich überblicken kann, kaum etwas geändert. Noch immer geht es erschreckend vielen Dänen offensichtlich nur darum, in Deutschland fette Beute zu machen. Gern zeigt man dabei auch seine Respektlosigkeit dem Billigeinkaufsland gegenüber im Zurücklassen von möglichst vielem Müll.

Aber ist eine Gemeinde, die einen Großteil ihrer Einnahmen auf einen Handel zurückführt, der auf Steuerunterschieden zwischen zwei Ländern beruht, wirklich gut aufgestellt? Eine solche Einnahmequelle könnte schnell versiegen, sollte die Besteuerungspraxis beider Länder (EU-bedingt) weiter konvergieren. Würde mich übrigens mal interessieren, ob der Anteil des Grenzhandels am Gewerbesteueraufkommen auch vor dreißig oder vierzig Jahren einen so hohen Anteil ausmachte. Sollte er über die Jahre gestiegen sein, dürfte dies durchaus ein weiterer Grund zur Beunruhigung sein. Wovon möchte man in Zukunft hier leben? Diese Unheil verkündende Frage blieb vor lauter Feel-Good unbeantwortet. Leider.

Zwei Fragen aus dem Publikum stimmten zum Ende der Glücksveranstaltung hin nachdenklich. Die eine bezog sich auf Maisfelder, die andere, die keine Frage, sondern eine orakelhafte Feststellung eines alten Mannes war, der mein Vater hätte sein können, bezog sich irgendwie auf die Problematik des Grenzhandels.

Mais dient in Deutschland irrsinnigerweise der Energiegewinnung, denn Deutschland hält sich offenbar für dermaßen über Natur und Welt erhaben, dass es für sich beansprucht, Lebensmittel in Gas und Sprit zu verwandeln. Um diese Form der Energiegewinnung voranzutreiben, wird es privaten Investoren leicht gemacht, Biogasanlagen genehmigt zu bekommen und so sprießen sie nicht zuletzt gerade im Landkreis Schleswig-Flensburg wie schwer genießbare Pilze aus dem Boden. So jetzt auch in Harrislee. Laut Bürgermeisterkandidaten – außer jenem von der CDU, der auch in dieser Angelegenheit ziemlich ahnungslos dastand – ohne dass die Gemeinde auf das Genehmigungsverfahren den geringsten Einfluss habe. Das Problem des Fragenden war dabei gar nicht das Werk an sich, sondern die geplanten Zufahrtswege, über die LKW-Ladungen von Mais heranrollen werden, teilweise durch Wohngebiete. Was wolle man als Bürgermeister tun, um die dadurch entstehenden Belastungen zu verhindern oder zu reduzieren? Man könne nicht, man habe keinen Einfluss, beschwor der Kandidatenchor. Das Böse sind nicht wir Glücksbringer, sondern ferne finstere Mächte: Land, Bund und, wenn es ganz schlimm kommt, natürlich die EU. Mag sein, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme begrenzt sind. Dennoch, wenn Bürgermeisterkandidaten politisch motiviert als Impulsgeber gewählt werden wollen, dürfte man bei ihnen einen Willen zum Gestalten erwarten. Und der schien nur vage an diesem Abend. Bei dieser Frage begann man zu ahnen, dass er vielleicht gar nicht da war.

Schließlich die Bemerkung des alten Mannes, der schon einige Bürgermeister gesehen haben durfte. Er sei einer der ersten gewesen, die in Harrislee Anfang der Sechziger ein Gewerbegrundstück erworben und einen Handwerksbetrieb gegründet hatten. Nur bestehe die Zukunft der Gemeinde nicht in weiteren handwerklichen Betrieben. An seinen eigenen Kindern könne er sehen, dass Zukunftweisendes mit höherer Ausbildung zu tun habe. So hätten seine Kinder alle eine akademische Ausbildung, die sie aber in Harrisleer Betrieben, schon gar nicht im vielbeschworenen Grenzhandel gebrauchen könnten. Sie würden daher allesamt weiter im Süden der Republik hochqualifizierten – und gut bezahlten – Tätigkeiten nachgehen. Harrislee habe ein Problem, dass es an innovativen Betrieben mangele. Ob der ungeschickten Handhabe des Mikrofons spürte man, wie mancher im Saal diesen alten Mann nicht so recht ernst nehmen wollte. Dennoch waren seine wohl die wichtigsten Worte des Abends. Diese ließen sich so zusammenfassen: Harrislee war gut aufgestellt. Vor 30-40 Jahren. Heute mangelt es aber an einer tragfähigen Zukunftsperspektive für die wirtschaftliche Entwicklung im Ort.
Und diese Worte entsprechen genau meiner Lebenswirklichkeit. Vor 34 Jahren ging ich fort aus der Gemeinde, um zu studieren und später eine Tätigkeit in Forschung und Entwicklung auszuüben. Nie hätte ich gedacht, eines Tages nach Harrislee zurückzukehren, denn für Leute wie mich gibt es dort keine passende Arbeit. Nur aufgrund im Vergleich zu früher verbesserter Transportmöglichkeiten und sonstiger günstiger Fügungen ist es mir heute möglich, in Harrislee zu leben und im fernen Kopenhagen zu arbeiten. Etwas umständlich, zugegeben. Einfacher wäre es natürlich, man könnte adäquate Arbeit in Harrislee anbieten. Ich würde sie gern annehmen.

Noch einfacher ist es gewiss, Bürgermeister zu werden.

Der er lukket for kommentarer.

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