Fahlgelb mit dickbäuchigen Balkonen klotzt ein Eckneubau am Kollwitzplatz. Hier wohnt man. Für Prenzlberg-Verhältnisse durchaus für eine angemessene Miete, und das gab seinerzeit den Ausschlag. Begibt man sich hinein, ins Treppenhaus, schlägt einem ein spießig-sauberer Geruch entgegen. Hier rieche es richtig deutsch, pflegen unsere dänischen Gäste zu bemerken. Es riecht nach Ordnung und Regelmäßigkeit. Hier gibt es keine Exzesse, kein Graffiti, keine Schmierereien. Nur die verglaste Anschlagtafel der Hausverwaltung sowie an den Fahrstuhltüren geklebte Warnhinweise, dass der Aufzug im Brandfall nicht benutzt werden dürfe, verleihen dem Treppenhaus einen gewissen grafischen Schwung. Ob sich auch Menschen, allen voran die Bewohner dieses Hauses darin bewegen, ist schwer zu sagen. Die Bewohner sind nämlich geradezu gespenstisch unsichtbar. Ab und zu huscht ein unbekannter Jemand an einem vorüber mit einem Hallo, kaum sieht man diesen Jemand jemals wieder. Manchmal werden ein paar Worte gewechselt, ob man mit in den Aufzug möchte oder lieber nicht. Bis in die zweite Etage ist es nicht weit, daher habe ich die Gespenster bisher allein in ihre höher liegenden Ebenen fahren lassen. Vielleicht sollte ich es in Zukunft mal versuchen, die fünf Sekunden Zwangsgemeinschaft im Fahrstuhl zwischen Erdgeschoss und zweitem Stock mit so einem Gespenst auszukosten. Vielleicht entfährt ihm ja das eine oder andere Wort mehr. Vielleicht erfährt man, wo im Hause es sich zu verkriechen gedenkt.
Die Nachbarwohnung hat elektrisches Licht, welches nachts manchmal die Wohnung erleuchtet, soviel lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen. Ab und zu scheint auch die Tür der Wohnung ins Schloss zu fallen, nur einen Menschen hat man dort noch nie gesehen. Man zieht ein in Wohnungen, man zieht aus Wohnungen aus, aber man bleibt unsichtbar, als sei man niemals hier gewesen. Keine Spuren, keine Geschichte. Das wirklich Gespenstische dabei ist eigentlich gar nicht mal die Anonymität an sich, sondern eher der ihr offenbar zugrunde liegende Mangel an Neugierde gegenüber seinen Mitmenschen: Wer sind meine, jetzt im buchstäblich-geografischen Sinne, Nächsten? Keine Ahnung! Keine Ahnung haben wollen — ist das nicht dasselbe wie von nichts wissen wollen und am Ende auch Unrecht ungesehen geschehen lassen? Und ja, auch ich, auch wir machen das gespenstische Spiel leider mit. Wer gibt sich wohl als Erster als Mensch zu erkennen?